Autos aus Deutschland: Die Fahrt geht nach China

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Das Benzin-Auto steckt in der Klemme. Zu teuer, zu laut und zu schmutzig. Hinzu kommt ein radikaler Wertewandel: die Jugend interessiert sich mehr für das Internet als für das eigene Auto.

Statt Benzin im Blut, ständig unter Strom mit WhatsApp, Facebook und Musikdiensten. Auch bei älteren Menschen hat das Auto als Status-Symbol gelitten. Sie wollen zwar mobil sein, sicher von A nach B kommen, aber das Geld nicht nur für PS ausgeben, sondern auch für Kultur, Reisen und Gesundheitspflege. Ein Kommentar von Peter Rasenberger

Deutschlands Autoindustrie steht also vor massiven Herausforderungen. Nichts ist mehr so klar und so sicher wie in den vergangenen Jahrzehnten. Unsere stolze Vorzeigebranche muss sich vorkommen wie die Vertreibung aus dem Paradies. Die Zukunft heißt China, dort entscheidet sich Wohl und Wehe der deutschen Autoindustrie – nicht mit dem Verbrennungsmotor, sondern mit der E-Mobility.

 

Quote statt Wettbewerb

Die Chinesen investieren radikal in diesen Antrieb, locken Kunden mit Prämien und setzen gleichzeitig ausländische Autohersteller massiv unter Druck. Sie müssen ab 2019 eine Quote für E-Autos erfüllen. Das bedeutet zum Beispiel für Volkswagen, den größten Hersteller in China, dass das Unternehmen bei drei Millionen verkauften Wagen rund 75.000 Elektro-Modelle ausliefern muss.
Das Wörtchen „muss“ verändert alles. Die Formel lautet: Quote statt Wettbewerb. Der Erfolgsdruck ist enorm. Wer die Quote nicht schafft, darf dann eben weniger Benzin-Autos verkaufen. Das mag in jedem Land der Welt zu verkraften sein, aber in China – dem größten Automarkt der Welt mit jährlich rund 30 Millionen Neuzulassungen – kann sich eine Erkältung leicht zur Lungenentzündung auswirken. Wer hier seine Präsenz nicht halten kann, verliert nicht nur Wettbewerb, sondern auch Reputation.
Allerdings kann man dem Quoten-Diktat der Chinesen auch Gutes abgewinnen: Es zwingt die Autoindustrie dazu, ihre Anstrengungen für massentaugliche und distanzsichere Batterie-Autos noch fokussierter anzugehen. Wer jetzt noch von einem Hype um die E-Mobility spricht, hat allerdings nicht wirklich verstanden, dass China im Begriff ist, die mobile Welt grundlegend zu verändern.

 

Wirtschaft statt Natur

Ganz klar: China ist ein Leitmarkt für Elektromobilität. Wurden 2016 gerade mal eine halbe Million E-Autos verkauft, werden es in diesem Jahr schon 800.000 sein und bis 2020 strebt China fünf Millionen an. Diese Zahl scheint schon deshalb realistisch, weil China in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die größte Volkswanderung der Menschheit erlebt.
Rund 400 Millionen Menschen ziehen vom Land in die Städte – aber wohin? Aus den Smog-vergifteten Mega-Städten wird ein noch größeres „Mega“, hinzu kommen weitere Millionenstädte aus der Retorte. Auf engstem Raum würde damit die Mobilität rasant zunehmen, kaum denkbar, dass ein erträgliches Leben mit vielen weiteren Benzin-Stinkern dort noch möglich wäre. Schon jetzt sind die gesundheitlichen Belastungen der Menschen in den Cities gravierend. Genau das treibt die E-Mobility in China zwangsläufig an.
Die schlichte Überlebensnotwendigkeit, den Smog in den Mega-Städten zu bekämpfen, ist aber nicht das Vordringlichste, was die chinesische Regierung treibt. Es geht ihnen in erster Linie nicht um Mutter Natur, um die Bekämpfung der verheerenden Umweltverschmutzung, sondern ausschließlich um wirtschaftliche Macht und die Vorherrschaft in einer Schlüsselbranche. Weil das Land bei der Entwicklung von Benzin-Motoren trotz zahlreicher Joint-Ventures mit ihren Marken Geely, Chery oder Brilliance technisch nicht vorankommt, gibt Peking eben ein neues Ziel aus: Wir wollen Weltmarktführer in der E-Mobility werden.

E-Autos für Kälte und Hitze

Die technischen Voraussetzungen dafür erscheinen ihnen einfacher als die Herstellung eines Kleinwagens etwa nach deutschem Vorbild. Außerdem wollen sich die Chinesen mit der E-Power darauf einstellen, dass mit zurückgehenden Öl-Vorkommen die Kosten für Kraftstoff steigen.

Aber müssen wir wirklich Angst vor den Chinesen haben?
Sie haben noch nicht wirklich zu erkennen gegeben, ob sie überhaupt in der Lage sind, ein anspruchsvolles E-Auto herzustellen, das für den harten Winter ebenso tauglich ist wie für den Hitzestau in den Großstädten. Wenn dort die Klimaanlage auf Hochtouren läuft, ist die Batterie schnell leer und das Auto nutzlos.

Nüchtern betrachtet, hat Deutschlands Autoindustrie mit seinen Ingenieuren die wunderbare Chance, sich als Technologieführer für preiswerte Batterie-Autos im größten Land der Welt zu positionieren. Bertha Benz, die vor 129 Jahre die erste Langstrecke mit einem Auto unternahm, würde sich darüber ganz gewiss freuen.

 

Ein Kommentar von Peter E. Rasenberger

peterrasenberger

Peter E. Rasenberger ist multipler Gründer und Unternehmer. Als Co-Gründer und heutiger Executive Partner leitet er die Geschicke der Merchant Banking Boutique Rasenberger Toschek. Er berät internationale Investoren bei grenzüberschreitenden Investments und verhandelt leidenschaftlich Sondersituationen bei der Rettung von Unternehmen. Der diplomierte Kaufmann und Wirtschaftsinformatiker studierte u.a. an der European Business School in Oestrich-Winkel (Deutschland), London (Great Britain) und San Diego (California, USA) und lebt heute in Lausanne (Schweiz) und Beijing (People’s Republic of China).

peter.rasenberger@grantiro.de

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