Enttarntes Kartell verschärft Situation in der deutschen Automobilindustrie

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Seit einigen Tagen steht fest: Die Dieselaffäre stellt nicht nur das Versagen eines einzelnen Konzerns dar. Sie entstand aus jahrelangen Absprachen der deutschen Autohersteller Audi, BMW, Daimler, Volkswagen und Porsche. Lesen Sie mehr.

Seit einigen Tagen steht fest: Die Dieselaffäre stellt nicht nur das Versagen eines einzelnen Konzerns dar. Sie entstand aus jahrelangen Absprachen der deutschen Autohersteller Audi, BMW, Daimler, Volkswagen und Porsche. Seit den 1990er Jahren erfolgten Abstimmungen über Fahrzeuge, Zulieferer, Märkte und Kosten. Mehr als tausend Treffen in verschiedensten Arbeitskreisen soll es gegeben haben, berichtet der Spiegel in seiner Ausgabe 30/2017. Thematisch drehten sich die Treffen etwa um Bremsregelsysteme, Sitzanlagen, Luftfederung, Kupplung – aber auch um Otto- und Dieselmotoren. Entsprechend konkurrieren die Unternehmen in diesen und weiteren Bereichen häufig gar nicht mehr, wodurch Marktwirtschaft und Wettbewerb in weiten Teilen außer Kraft gesetzt wurden.

Selbstverständlich sind diese kartellartigen Strukturen zum Nachteil für die Kunden. Sie erhalten keinen marktgerechten Preis. Zudem werden ihnen technische Innovationen vorenthalten. Besonders betroffen sind die Besitzer von Dieselautos. Darüber hinaus ist nun belegbar: Die Absprachen der Hersteller führten dazu, dass die Möglichkeiten der Abgasreinigung nicht in erforderlichem Maße ausgeschöpft wurden. Dies zeigt sich unter anderem an zahllosen Treffen, in denen es um das Thema AdBlue ging. AdBlue ist ein Additiv aus Harnstoff, das Stickoxide im Verbrennungsprozess von Diesel in die harmlosen Bestandteile Stickstoff und Wasser aufspaltet. Konkret ging es immer wieder um die Frage, wie groß die AdBlue-Tanks sein sollten. Aus Kostengründen verständigten sich Daimler, BMW, Audi und Volkswagen auf kleine Plastikbehälter. Standen zunächst noch Lösungen von bis zu 35 Litern zur Diskussion, wurde am Ende die gemeinsame Einführung eines 8-Liter-Tanks beschlossen. Diese Menge an AdBlue reicht jedoch gerade einmal aus, um Abgase 6.000 Kilometer lang vollständig zu reinigen. Damit die Kunden nicht in dieser Häufigkeit Harnstoff nachtanken mussten, wurde die eingespritzte Menge reduziert.

 

Es folgte die Verschärfung von Umweltauflagen. Alleine zur Einhaltung der Euronorm 6 hätte die AdBlue-Beimischung um 50 Prozent erhöht werden müssen. Dies war den Herstellern durchaus bewusst. Ein Einbau größerer Behälter erfolgte jedoch nicht. Im Gegenteil: Im Mai 2014 warnt Audi vor Alleingängen und vor einem möglichen „Wettrüsten bezüglich der Tankgrößen“. Vermutlich hätte ein Vorstoß eines einzelnen Herstellers zu Misstrauen bei den Aufsichtsbehörden geführt. Die Frage wäre möglicherweise gewesen, warum die Fahrzeuge eines bestimmten Konzerns deutlich mehr AdBlue benötigen, als die der anderen Autobauer. Auf dem Prüfstand war jedoch stets alles in Ordnung. Software sorgte dafür, dass im Prüfmodus ausreichend Harnstoff eingespritzt wurde. Das Ende der Geschichte ist bekannt: 2015 deckten US-Behörden den Betrug auf.

In Summe sind diese Absprachen in puncto Diesel vermutlich einer der spektakulärsten Kartellfälle in der deutschen Industriegeschichte. Es drohen nun Strafen in Milliardenhöhe – Geld, das die Autokonzerne eigentlich dringend zur Entwicklung von Elektrofahrzeugen benötigen. Daimler, BMW, Audi und Volkswagen könnten im Rennen um den Markt der Elektromobilität gegenüber Asien und den USA nun noch weiter ins Hintertreffen geraten.

Bedenklich ist jedoch noch ein weiterer Faktor. Dem Anschein nach hat die deutsche Autoindustrie Fortschritt und Entwicklung bei der E-Mobilität durch ihre Absprachen gebremst. Sie gefährdet hierdurch nicht nur ihr Image und ihre eigene Existenz. Sie hat es als bedeutendster deutscher Industriezweig versäumt, ihre hohe gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Durch den Missbrauch von Marktmacht und die Verhinderung von Innovationen hat sie letztlich Hundertausende Arbeitsplätze in den eigenen Reihen und bei Zulieferern aufs Spiel gesetzt.

 

Beschleunigte Transformation als logische Konsequenz

In der deutschen Automobilindustrie haben sich zahlreiche richtungsweisende Entscheidungen im Hinblick auf die Elektromobilität und autonomes Fahren angestaut. Bislang taten sich die Konzerne schwer damit, eine radikale Transformation einzuleiten, weil das traditionelle Geschäft immer noch florierte. Dieselgate, Klagen wegen zu hoher Schadstoffemissionen und als Krönung nun Berichte über eine Kartellbildung: Wenn jetzt nicht der Zeitpunkt für die deutschen Autohersteller gekommen ist, die Weichen auf eine Neuausrichtung zu stellen, wann dann?

Zunehmend erwartet nun die Öffentlichkeit, und sogar die Politik, dass sich bei den OEMs hierzulande etwas ändert. Dies führt unweigerlich zu einer Beschleunigung der ohnehin bevorstehenden Transformation der gesamten Branche. Die Hersteller befinden sich nicht länger in einer Position der Stärke, aus der sie Prozesse nach eigenem Gusto gestalten können. Sie sehen sich vielmehr einem steigenden Druck ausgesetzt, zukunftsweisende Technologien und Lösungen endlich zur Marktreife zu bringen.

 

Zulieferer müssen dringend neue Geschäftsmodelle entwickeln

Für Zulieferer im klassischen Segment können sich aus der beschriebenen Situation existenzbedrohende Schwierigkeiten ergeben. Hier ist es deshalb höchste Zeit, die Abhängigkeit vom traditionellen Automobilgeschäft zu reduzieren und zukunftsfähige Geschäftsfelder zu entwickeln, welche auf aktuelle und künftige Kundenbedürfnisse ausgerichtet sind. Dies können sowohl physische als auch digitale Produkte und Dienstleistungen sein. Ein Beispiel ist etwa die Entwicklung von eBike-Systemen durch Bosch, mit welcher das Traditionsunternehmen sich als „Impulsgeber für die Mobilität der Zukunft“1 positionieren möchte. ZF gründete im Jahr 2016 das Tochterunternehmen Zukunft Ventures GmbH, das die Aufgabe hat, den strategischen Wandel innerhalb des Konzerns voranzutreiben, sofortigen Zugang zu Schlüsseltechnologien zu ermöglichen sowie eine Verbindung zu Wissen und Zukunftskompetenzen zu realisieren. Konkret beschäftigt sich Zukunft Ventures mit der Mobilität von morgen. Themenfelder sind unter anderem Ressourcenknappheit, Sicherheit und autonomes Fahren.2

Darüber hinaus zeigen etliche Start-ups, wie zukunftsweisende Geschäftsfelder im Bereich der Mobilität aussehen können. Park Here aus München bietet etwa ein energieautarkes System an, mit dem es auf einfachste Weise die Parkplatzauslastung in Großstädten verbessern möchte. Daneben existieren Car-Sharing-Ansätze wie getaround und Bike-Sharing-Konzepte wie Mobike oder ofo aus China. All diese jungen Unternehmen haben erkannt, dass sich der Individualverkehr grundlegend verändern wird. Auf Basis künftiger Kundenbedürfnisse haben sie innovative Geschäftsmodelle entwickelt – ein Vorgehen, dass sich nun auch bei Automobilzulieferern etablieren muss.

Experten wie Grantiro beraten betroffene Zulieferer der Automobilbranche in diesem Kontext und tragen damit maßgeblich dazu bei, traditionsreiche Mittelständler in Zeiten der Transformation auf einen zukunftsfähigen Weg zu führen.

 

Quellen:

Spiegel Printausgabe 30/2017

1 https://www.bosch-ebike.com/de/news-und-storys/storys/

2 https://www.zf.com/corporate/de_de/products/innovations/zukunft_ventures/zukunft_ventures_cp.html

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