„Turnaround by Innovation“ –GRANTIRO – Innovationsprozess bei Tetenal Europe

Tetenal Europe gilt als Erfinder der Foto-Chemie. Das Unternehmen wurde massiv vom technologischen Wandel getroffen. Trotz diverser Restrukturierungsbemühungen in den vergangenen Jahren musste Tetenal Ende September 2018 Insolvenz anmelden. Parallel zum eingeleiteten Verkaufsprozess wurde durch die Grantiro-Initiative ein Geschäftsmodell-Innovationsprozess gestartet. Als einer von zwölf externen Experten habe ich diesen Prozess mitgestaltet, an dessen Ende zehn konkrete Geschäftsmodell-Ideen standen, die zusätzliche Optionen zum Erhalt des Unternehmens darstellen.

Die Ausgangssituation: ein Unternehmen mit 170 Jahren Industriegeschichte steht vor dem kurzfristigen Aus

Der angeschlagene Pionier der Fotochemie Tetenal aus Norderstedt musste nach vielen Jahren, in denen die gesamte Palette der klassischen Restrukturierungsinstrumente zur Anwendung kam, im September 2018 Insolvenz anmelden. In Oktober wurde der Kontakt zur Geschäftsführung und dem vorläufigen Insolvenzverwalter aufgenommen und der Grantiro-Ansatz erläutert. Um die Chancen zum Erhalt des Unternehmens und der Arbeitsplätze zu erhöhen, stimmten die Geschäftsführung von Tetenal und der vorläufige Insolvenzverwalter der Durchführung des Grantiro-Prozesses zu. Dieser startete Anfang November. Die Ergebnisse des Prozesses mussten Ende Dezember 2018 vorliegen, um im Rahmen der Entscheidungsfindung über das Schicksal der Gesellschaft als Lösungsoption Berücksichtigung zu finden.

Die Prozessbeteiligten – eine intrinsisch motivierte Gruppe ohne gemeinsame Vorgeschichte

Nach einer Information über den geplanten Prozess an alle Mitarbeiter des Unternehmens wurden über 30 Tetenal-Mitarbeiter durch ein empirisch geprüftes, dreistufiges Selektionsverfahrenauf ihre Innovationsfähigkeit überprüft. Zwölf von ihnen wurden für den weiteren Innovationsprozess ausgewählt. Ergänzt wurde dieses Team, das aus Mitarbeitern unterschiedlichster Hierarchieebenen und Abteilungenbestand, mit zwölf externen Experten aus verschiedenen Branchen (Chemie, Fotografie, Vertrieb, Futurologen, Start-up-Gründer, etc.). Durch die Auswahl von Prozessbeteiligten mit unvoreingenommener Denkweise und der Kombination dieser Mitarbeiter mit innovationsinteressierten Experten – ohne engen Bezug zum Unternehmen – wurde eine durchweg positive Arbeitsatmosphäre im Rahmen der Workshopsgeschaffen,  die man in klassischen Restrukturierungssituationen selten erlebt. Gerade durch diese spezielle Auswahl wurden ergebnisoffene Kreativprozesse ermöglicht und die typischen Denkblockaden („Wie soll so etwas in unserem Unternehmen gehen?“, „Unsere Branche funktioniert aber ganz anders“) minimiert.

Die Methodik – mit geführten Kreativprozessen zum strukturierten Ergebnis

Der Grantiro-Prozess baut auf der an der Universität St. Gallen entwickelten Methode des „Business Model Navigator“ auf.

Vor dem ersten Workshop mit dem Experten-Team wurden mithilfe von Befragungen, Ideen-Boxen und anderen Instrumenten weit über hundert Rohideen gesammelt und danach durch das Moderationsteam Herrn Univ.-Prof. (NDU) Christoph Wecht und Annabell Pehlivan hinterfragt und aufbereitet. Nachdem sich die ausgewählten Mitarbeiter und Experten bei einem gemeinsamen Abendessen  in angenehmer Atmosphäre kennen gelernt haben, begann die intensive, gemeinsame Arbeit.

Im ersten Workshop Ende November 2018 wurde die Ausgangslage von Tetenal beschrieben, d.h. die bestehenden Geschäftsmodelle und die wesentlichen externen Einflussfaktoren wurden in gemischten Gruppen aus Mitarbeitern und den externen Experten herausgearbeitet. Darauf aufbauend wurden erste Rohideen für die Anpassung der Geschäftsmodelle entwickelt. Aus dem gesamten – zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden – Rohideenpool wurden dann 15 Ideen ausgewählt und mithilfe vorgegebener Formulare strukturiert weiter ausgearbeitet.

Das zweite Modul stand unter dem Motto: „von der strukturierten Idee zum verkaufsfähigen Geschäftsmodell. Mit der Geschäftsmodell-Logik des Business Model Navigators sowie diverser Kreativtechniken wurden am ersten Tag insgesamt ca. 20 Geschäftsmodell-Innovationen entwickelt und strukturiert beschrieben. Ein besonderes weiteres Element des Innovationsprozesses wurde dann genutzt. Dazu wurden weitere Mitarbeiter in die Gruppe integriert, die im Rahmen des Auswahlprozesses nicht berücksichtigt wurden. Durch diese Maßnahme wurden weitere Ideen und in deren Folge neue Geschäftsmodell-Innovationen gefunden. Im Ergebnis standen über 30 Geschäftsmodell-Ideenzur Verfügung, die anschließend durch die Gruppe nach festgelegten Auswahlkriterien priorisiert wurden. Abgeschlossen wurde der gemeinsame Innovationsprozess durch die Erstellung von Pitch-Präsentationen für die zehn besten Geschäftsmodell-Ideen. Diese sollen die bestehende Struktur  von Tetenal weiterentwickeln oder ergänzen. Trotz der Ungewissheit über ihre persönliche Zukunft und  der Hektik im Tagesgeschäft haben sich die in den Prozess involvierten Mitarbeiter bereit erklärt, diese zehn Konzepte weiterzuentwickeln, sodass sie für die Investorensucheeinsetzbar werden. Hierdurch wurden neue Optionen in einer Krisenphase geschaffen, die gewöhnlich nicht für eine Erneuerung steht.

„Turnaround by Innovation“ schafft neue Handlungsoptionen

Innovationstechniken stiften in existenzgefährdenden Krisen, bei professioneller Vorbereitung und Anwendung, zusätzlichen Nutzen, um Lösungswege aus der Krise aktiv zu entwickeln. Notwendige Voraussetzung auf der Unternehmensseite ist die Bereitschaft der entscheidenden Stakeholder sich auf den ergebnisoffenen Prozess und die neuen Methoden einzulassen,und ein Team, das nicht nach Hierarchie, sondern nach dem Willen und der Fähigkeit den Wandel aktiv mitzugestalten, ausgewählt wurde.

Selbst unter den extremen zeitlichen und monetären Restriktionen einer Insolvenz werden sehr gute Ergebnisse erzielt, die den Handlungsspielraum erweitern.

Abb. 1 Grantiro Prozess TETENAL

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