Corona: Wird es jemals wieder normal weitergehen?

Ein Kommentar von Peter E. Rasenberger, Lausanne 26.03.2020

Wir merken, wie Politiker anfangen zu spekulieren, wann die Maßnahmen gegen die Eindämmung des Corona-Virus wieder gelockert werden können und vereinzelt Hoffnungen machen, es könne schnell gehen. Vergessen wir mal Trump in den USA, der volle Kirchen zu Ostern (2020!) verspricht. Geschenkt. Aber wäre es nicht an der Zeit, einmal das Szenario durchzudenken, wie es sein wird, wenn wir in den nächsten Monaten nicht in den Ausgangszustand zurückkehren und welche Möglichkeiten, Chancen und Risiken dies für unsere Gesellschaft und Wirtschaft bedeuten würde. Wie sollten wir den Transformationsprozess für unsere Gesellschaft gestalten, statt zu hoffen, dass es schnell wieder so wird wie gestern.

Kühl rechnen

Exemplarisch – hier am Beispiel für Deutschland – eine kurze Überschlagsrechnung:

Wie lang dauert die Krise, wenn wir das Krankenhaussystem nicht überfordern?

82.790.000 Bürger*innen in Deutschland

28.000 Intensivbetten (mit Beatmungskapazität)

5% der Coronafälle brauchen intensive Betreuung

2 Wochen pro schwierigem Fall im Intensivbett

Bitte meine Berechnung nicht falsch verstehen. Ich bin nicht der Auffassung, dass die getroffenen Maßnahmen unsinnig oder nicht durchführbar sind. Ich glaube vielmehr wir könnten große Vorteile in der Bewältigung der Situation erlangen, wenn wir uns auf einen sehr langen Zeitraum einstellen und dann fragen, wie wir die Situation verbessern können. Dafür würden uns gemeinsam bestimmt viele Ideen einfallen:

Wenn wir in Deutschland 28.000 Intensivbetten haben und 5% der Fälle bei Corona ein Intensivbett brauchen, dann dürfen niemals mehr als 560.000 Bürger gleichzeitig erkrankt sein, damit die Behandlungskapazitäten reichen.

Bei 82 Millionen Einwohnern müssen wir die Intensivbetten 147-mal belegen. Wenn eine Beatmung zwei Wochen dauert, kommen wir auf 295 Wochen Belegung. Also circa 74 Monate oder anders gesagt 6 Jahre.

Mir ist klar, diese Berechnung ist zu ungenau. Viel zu ungenau.

Aber was ist falsch daran, zu vermuten, wir brauchen die Maßnahmen noch einen sehr langen Zeitraum?

Strategisch denken

Burkhard Schwenker, der Ex-Chef von Roland Berger, hat ein – wie ich finde – sehr gutes Interview dem Capital Magazin gegeben. Er schlägt vor, die möglichen Handlungsszenarien auf zwei Achsen zu betrachten. Wie dynamisch wird die Situation und wie lange dauert sie? Ich vermute es gibt zwei Szenarien, die dominant sind: (1) mit und (2) ohne Überforderung der Krankenhäuser, (1) mit und (2) ohne sehr viel mehr Toten.
Wenn wir sehr viel mehr Tote vermeiden wollen und uns nicht auf das perfide Spiel einlassen wollen, die Interessen der Gesundheit gegen die Interessen der Wirtschaft ausspielen zu wollen, dann betrachten wir einen weniger dynamischen Fall, der sehr – sehr – viel länger dauert.

Wenn wir uns auf dieses Szenario einlassen – wir vermeiden eine Gesundheitssituation die außer Kontrolle gerät und sind bereit zu akzeptieren, dass es eine Veränderung über einen langen Zeitraum braucht – ist möglicherweise viel gewonnen.

Wir kommen heraus aus den hektischen Notmaßnahmen – deren Notwendigkeit ich nicht in Abrede stellen möchte – und eröffnen die Perspektive, wie wir die nächsten Monate und Jahre gestalten wollen. Ich bin sicher, dass uns zusammen dazu einiges einfällt:

  • Der Zeitraum, der für diese Maßnahmen notwendig ist, wird kürzer, wenn wir mehr Beatmungsplätze haben. Allerorts versuchen die Krankenhäuser die Kapazitäten zu erhöhen. Während ich diese Zeilen schreibe, wird es wahrscheinlich schon deutlich mehr als 28.000 Intensivbetten geben. Eine Verdoppelung der Intensivbetten, würde die oben berechnete Mindestzeit der Maßnahmen von 6 Jahren auf drei Jahre verkürzen. Wenn wir nicht nur über einen Zeitraum von ein paar Wochen denken, können die personellen und technischen Kapazitäten sicherlich noch deutlich erweitert werden.
  • Wenn wir nicht in Wochen, sondern Jahren denken, überlegen wir nicht nur, wie wir die Herstellungskapazitäten für Schutzkleidung für die nächste Pandemie vergrößern können. Nein, wenn es noch viele Monate dauert, die Situation in den Griff zu bekommen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt in Deutschland und vielen anderen Ländern gekommen Produktionskapazitäten aufzubauen, die dann nächstes Jahr bereit stehen, da wir diese dann immer noch für diese Pandemie brauchen werden.
  • Die Zweifler, die nun schon sagen, wir könnten Produktionskapazitäten, z.B. in der Autoindustrie nicht umwidmen, um z.B. Beatmungsgeräte zu bauen, müssen wir sagen: doch das geht! Das hat aus viel schlechteren Gründen im zweiten Weltkrieg funktioniert, Produktionen umzuwidmen. Warum sollte das schlechter funktionieren, wenn man Menschen retten will statt sie zu töten. Wir brauchen schnell mehr Kapazität, aber eben auch über einen längeren Zeitraum. Auch Kapazitäten, die erst in 12 Monaten bereitgestellt werden, haben einen großen Nutzen über die Gesamtlaufzeit der Bekämpfung des Virus.
  • Wir haben Zeit, neue Formen des Social Distancing zu üben. Noch werden alle Schutzmasken dringend für das medizinische Personal benötigt. Diese Priorität ist unzweifelhaft richtig. Sollten wir aber deutlich mehr Masken produzieren können, wäre es vorstellbar, dass wir die gesamte Bevölkerung mit Masken ausstatten können. Wenn jeder in der Öffentlichkeit eine Maske trägt, wird die Wahrscheinlichkeit, dass er jemand mit SARS-Cov-2 infizieren kann, massiv reduziert. Das öffentliche Leben könnte, in anderer Form, wieder anlaufen.
  • Die Bundesrepublik Deutschland (und viele andere Länder) nehmen nie dagewesene Geldbeträge in die Hand, um die Wirtschaft zu stützen. Wenn wir das nicht nur als eine „Überwinterungsstrategie“ verstehen, sondern als eine Chance, die Transformation in der Wirtschaft im Hinblick auf neue Geschäftsmodelle voran zu treiben, dann ist viel gewonnen. Es gibt unglaublich viel zu tun, um unsere Infrastruktur und die Art und Weise, wie wir arbeiten zu verbessern. Der Zwang der Arbeit aus dem Home-Office könnte dazu führen, dass wir nicht nur Lippenbekenntnisse zum Digitalstandort Deutschland hören, sondern erstaunlich viele Maßnahmen in kurzer Zeit sehen werden.
  • Diese Liste ließe sich mit unser aller Gedanken und Ideen noch sehr lange fortsetzen. Wir sind auch nicht allein. Überall wird in diesen Tagen über das neue Normal nachgedacht. Brilliant auch die Gedanken von Zukunftsforscher Matthias Horx aus Wien.
Die Hoffnung der Medizin

Klar, es gibt noch weitere Möglichkeiten den Zeitraum, den die Social Distancing Maßnahmen brauchen zu verkürzen. Wenn wir medizinische Mittel finden, die

  • die Anzahl der Personen verringert, die sich anstecken (-> Impfstoff)
  • die Anzahl infizierter Personen mit schweren Symptomen verringert
  • die die Heilungsdauer reduzieren

All das hat große Chancen und wird mit massivem Druck, finanziellen Möglichkeiten und internationaler Zusammenarbeit getan. Es ist nur ungewiss, ob wir bereits in den nächsten Monaten solche Medikamente entwickelt, getestet und in ausreichender Zahl produziert haben.

Falls wir mit neuen Medikamenten eine Abkürzung finden, die Krise zu beenden, ist das großartig. Dieses als sicheres Ergebnis für die nächste Zeit zu Verkaufen, wie es Trump gegenwärtig macht, ist fahrlässig.

Fazit

Jetzt ist die Zeit gekommen in Alternativszenarien zu denken. Gegen die Übermacht der täglichen besorgniserregenden Nachrichten entwerfen wir ganz bewußt ein langfristiges Szenario. Wie würden wir als Mensch, als Familie, als Gesellschaft, als Unternehmen als Wirtschaftssystem heute handeln, wenn wir wüssten, der Krisen-Zustand wird uns noch mehr als ein Jahr begleiten? Ohne Panik, ohne Untergangsklänge, sondern mit Ruhe, Ernsthaftigkeit, die Risiken  u n d  die Chancen betrachtend.

Bleibt gesund!

Ein Kommentar zu “Corona: Wird es jemals wieder normal weitergehen?

  1. Lieber Peter,
    ein exponentiell wachsendes Problem über lineare Verbesserungen z.B. durch mehr Intensivbetten beherrschbar zu machen gelingt nur in Verbindung mit der gegenwärtigen pauschalen Kontaktvermeidungsstrategie. Das ist eine plausible, extrem teure Sofortmaßnahme. Differenziertere, skalierbare Lösungen erfordern aber digitale Vernetzung und Daten, etwas dem viele Europäer mit Skepsis und Ablehnung begegnen. Im Leben stellt sich immer die Frage nach den Alternativen. Das von Dir dargestellte alternative Langfristszenario gibt hoffentlich vielen Anstoß, eigene Positionen zu hinterfragen und ggf zu korrigieren.

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